04.11.2025

Was steht auf Ihrer Bürotür, Frau Mayr?

Eine einfache Frage – doch es steckt viel dahinter. Vor allem kleinen und mittleren Familienunternehmen, besonders in der Gründungszeit und ersten Generation finden sich Frauen, die als Partnerinnen voll im Geschäft mitarbeiten, ohne klare Funktion und ohne adäquaten Lohn. Auf der Bürotür steht selten „Finanzen“, „Personal“ oder „Geschäftsführung“. Vielleicht steht gar nichts. Vielleicht nur der Name. Und genau darin liegt ein Schlüssel: Die Kraft der Frauen in Familienunternehmen ist groß – aber oft nicht frei verfügbar. Oft üben Frauen ihren Einfluss aus dem Hintergrund aus und nehmen nicht die Rolle ein, mit offenen Karten mitzumischen.
Die Energie vieler Frauen in Familienbetrieben fließt in das Ausgleichen von Spannungen: zwischen Familie und Unternehmen, zwischen Generationen, zwischen Nähe und Distanz. Diese Balancearbeit ist enorm wertvoll – sie hält Beziehungen stabil und sichert den inneren Zusammenhalt des Unternehmens. Doch sie bindet Energie. Statt sie gezielt und bewusst für strategische oder operative Themen einzusetzen, wird sie häufig unbewusst verbraucht – hinter den Kulissen.

Warum das so ist

Unklare Rollen und Funktionen
In vielen Familienunternehmen sind die Rollen der Frauen nicht klar definiert. Sie arbeiten mit, sorgen dafür, was notwendig ist und übernehmen Verantwortung, aber ohne offizielle Position. Sie bleiben eher in traditionellen Rollen. Zwischen emotionaler Unterstützung, Mitgestaltung und Mitverantwortung verschwimmen die Grenzen.

Informelle Macht statt offizieller Autorität
Während Männer häufig sichtbar unternehmerisch agieren, wirken Frauen über Beziehungen, Stimmungen und Vertrauen. Diese informelle Macht ist stark – aber sie stößt an Grenzen, wenn formale Entscheidungen getroffen werden müssen. Wenn Veränderungen anstehen, z.B. die Nachfolge-Entscheidung oder eine strukturelle Veränderung, die Kündigung oder Aufnahme von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – dann merken viele Frauen, dass sie zwar im Hintergrund viel Einfluss nehmen können, aber im Vordergrund wenig bewirken.

Frauen binden Energie in „Stand –By -Funktionen”
Frauen von Unternehmern, ob sie im Betrieb funktional mitarbeiten oder nicht, binden oft einen Teil ihrer Energie, indem sie zusätzlich nicht-offiziell für das Familienunternehmen mitdenken und mittragen. Die typischen Beispiele sind oft zitiert: die Gespräche am Mittagstisch über schwierige betriebliche Situationen, über Erfolge/Misserfolge beim nächsten großen Auftrag oder über existentielle Krisen des Unternehmens. Sie sind über betriebliche Vorgänge (zum Teil) informiert und mit Problemen konfrontiert, sind selbst aber dazu nicht handlungsfähig und ihre Funktion beschränkt sich auf die einer beratenden Tätigkeit.
Immer wieder finden sich Frauen auch in einer „stand –by -Funktion“, d.h. sie sind in einer Art Warteposition und halten sich bereit für den möglichen Fall, gebraucht zu werden und eventuell Verantwortung zu übernehmen oder übernehmen zu müssen. Dies geschieht z.B. dann, wenn Unternehmer zusätzliche Funktionen im öffentlichen Bereich übernehmen oder durch Krankheit nicht voll einsatzfähig sind.
Die Folge ist, dass diese gebundene Kraft nicht mehr für die Realisierung von Eigenem, von persönlichen beruflichen Zielen innerhalb oder außerhalb des Familienunternehmens zur Verfügung steht, diese Frauen gleichzeitig aber das Gefühl haben: „Ich bin nicht im Unternehmen, ich tue nichts“.

Ein Blick in die Praxis
Montagmorgen in einem Familienunternehmen.
Vater und Sohn sitzen im Besprechungsraum – es geht um Nachfolge und Strategie. Frau Mair, die Ehefrau des Gründers, ist offiziell nicht eingeladen. Sie bringt Kaffee, wechselt ein paar Worte, nimmt die Spannung aus dem Raum.
Ihr Mann weiß, dass sie am Abend über die Sitzung sprechen werden. Ihr Sohn weiß, dass sie seine Sorgen versteht. Doch während der Besprechung bleibt sie still. Als die Sprache auf die Kündigung eines langjährigen Mitarbeiters kommt, spürt sie, dass sie eine Meinung hat. Aber sie sagt nichts. Ihr Einfluss zeigt sich später – in Gesprächen am Rande, beim Abendessen, im leisen Ringen um Harmonie.
Am Ende des Tages hat sie viel bewirkt – und viel Energie aufgebracht. Doch kaum etwas davon ist sichtbar.

Zeit, sichtbar zu sein
Frauen in Familienunternehmen sind häufig das emotionale Rückgrat – loyal, verbindend, stark. Doch ihre Kraft bleibt oft in dieser unsichtbaren Vermittlungsrolle gebunden. Wenn Frauen ihre Energie bewusst einsetzen wollen, braucht es klare Strukturen:

  • Funktionen mit Namen, Kompetenz und Verantwortung
  • Rollen, die sichtbar und anerkannt sind, und Rollenflexibilität
  • Räume, in denen weibliche Perspektiven gehört und ernst genommen werden.

Denn vielleicht steht auf Ihrer Bürotür bald nicht mehr nur Ihr Name, Frau Mayr.
 Vielleicht steht dort: „Strategie & Kulturentwicklung“. Oder „Mitglied der Geschäftsleitung“.
Und vielleicht ist das der Moment, in dem Ihre ganze Kraft wirksam wird.