17.09.2025 Generationenwechsel, eine komplexe Angelegenheit
Beide vorhergehenden Szenen verdeutlichen typische Situationen aus familiengeführten Betrieben in der Phase eines bevorstehenden Generationenwechsels. In beiden Fällen zeigt sich die Herausforderung, Tradition, persönliche Lebensentwürfe und die Zukunft des Unternehmens in Einklang zu bringen.:
Im Hotelbetrieb stehen die Fragen nach Identität, Berufung und Loyalität im Vordergrund.
o Der einzige Sohn im Hotelbetrieb ist ambivalent bzgl. seiner Berufswahl. Er spürt seine Begabung und findet sich im Konflikt zwischen Pflichtgefühl und Selbstverwirklichung
o Dazu kommt, dass die gewählte Partnerin nicht in das Bild einer „richtigen“ Unternehmerfamilie der Eltern „passt“, die ihre Erfahrungen als
erfolgsversprechend auch für die Zukunft sehen.
o Die Zukunftsbilder der übergebenden Eltern und des Sohnes stimmen nur teilweise überein.
Im Handelsunternehmen rückt die Eigentümerin selbst in den Mittelpunkt.
> Sie zeigt starke Loyalität zum Unternehmen und zur Unternehmerfamilie.
> Es wächst der Druck seitens der Beschäftigten bzgl. der Perspektive ihres Arbeitsplatzes.
> Ein Verkauf erscheint rational und nachvollziehbar und fühlt sich gleichzeitig als Verrat, v.a. an den vorhergegangenen Generationen an. Er, bleibt schmerzhaft – da er das Ende eines über Generationen aufgebauten Lebenswerks bedeutet.
> Unklarheit bzgl. eines: r potenziellen Nachfolgers: in aus der Familie
An beiden Szenen wird deutlich, dass die Nachfolgefrage mehrdimensional ist:
Die Nachfolgefrage ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine zutiefst persönliche und emotionale Angelegenheit. Loyalität, Tradition und Verantwortung stehen oft im Spannungsfeld mit individuellen Lebensentwürfen. Sowohl die übergebende Generation als auch die potenziellen Nachfolgerinnen setzen sich mit Fragen auseinander, die weit über reine Unternehmensentscheidungen hinausgehen.
Nachfolge in Familienunternehmen ist ein komplexer Aushandlungsprozess, der ökonomische, emotionale und generationelle Faktoren gleichermaßen berücksichtigt. Eine tragfähige Lösung erfordert daher vor bzw. parallel zur betriebswirtschaftlichen Planung auch Raum für persönliche Reflexion und den offenen Dialog innerhalb der Familie.
Wie ging es konkret in den Fallbeispielen weiter?
Im Hotelbetrieb bat Georg seine Freundin Susanne, beim entscheidenden Gespräch mit seinem Vater dabei zu sein. Der Vater mochte Susanne, was die angespannte Situation etwas auflockerte. Wie erwartet begann er mit Appellen, dass Georg sich nun endlich mit vollem Einsatz dem Hotel widmen solle. Er sei bereit, den Hauptbetrieb eigentumsmäßig zu übertragen, erwarte dafür aber vollen Einsatz und Dankbarkeit.
Georg jedoch – wie zuvor mit Susanne besprochen – wollte sich noch Zeit nehmen. Er erklärte, dass er sich im kommenden Jahr intensiv mit seinen beruflichen Vorstellungen auseinandersetzen wolle und bereits Kontakt zu einem Berater aufgenommen habe, mit dem er offen sprechen könne. Daraufhin gewährte der Vater ihm ein weiteres Jahr und schlug sogar ein gemeinsames Gespräch mit dem Berater in sechs Monaten vor. Für Georg war das ein wichtiger Durchbruch – bisher hatte der Vater externe Beratung stets abgelehnt.
Anders im Handelshaus:
Die Unternehmerin hatte sich entschlossen und lud ihre Kinder zum Gespräch ein. Dabei wurde nochmals deutlich, dass keines von ihnen interessiert war, das Geschäft zu übernehmen.
Sie entschied sich in Folge für den Verkauf und einigte sich mit dem Anbieter, den Betrieb in einem Jahr abzugeben. Der Gang zum Notar zur Unterschrift fiel ihr schwer und einer der Söhne begleitete sie. Und doch: es war eine gute Lösung; das Unternehmen ging weiter, Ihr Lebenswerk kam in gute Hände, die Beschäftigten hatten eine sichere Perspektive und sie ließ ihrer Familie die Freiheit.
Szene 2: Eigentlich soll es weitergehen
11.08.2025
Die acht Standorte ihres Textil-Handelsunternehmens besuchte sie regelmäßig. Seit 26 Jahren war sie nun Geschäftsführerin und es war ihre Aufgabe. Immer gab es etwas zu besprechen: neue Kollektionen, die Kundenfrequenz, oder Fragen rund um das Personal – Qualifikationen, Arbeitszeiten, Motivation.
Sie kannte sich aus in der Branche und war auch in den Interessensvertretungen anerkannt.Bei einem der letzten Besuche fragte eine langjährige Mitarbeiterin offen:
„Gibt es schon Überlegungen, wie es mit unserem Betrieb einmal weitergeht?“ In ihrem Tonfall lag auch eine Spur einer Aufforderung und das Gespräch beschäftigte sie abends noch.
Sie war inzwischen 63 Jahre alt. Auch ihre Kinder hatten das Thema kürzlich angesprochen. Wie lange noch, Mama? Was kommt danach? Und: Du brauchst doch auch mehr Zeit für dich.
Natürlich dachte sie darüber nach. Immer öfter.
Sie konnte das Geschäft verkaufen. Da war dieser Mitbewerber – seit Jahrzehnten ein korrekter, verlässlicher Kollege im Markt. Beide kannten und respektierten einander. Sein Angebot war gut. Für ihn wäre es ein strategischer Schritt: ein zusätzliches Kundensegment, ein stärkeres Netz. Und für sie? Es wäre ein sauberer Schlussstrich – wirtschaftlich attraktiv, gut überlegt. Und die Kinder konnten das Geld brauchen.
Doch da war auch dieses andere Gefühl.
Ihr Großvater hatte den Grundstein gelegt.
Mit Stoffhandel hatte alles begonnen – in einer Zeit, in der jeder bescheidene Einkauf zählte. Auch die schweren Kriegsjahre hatte die Familie durchgestanden, das Geschäft bewahrt. Für sie war es mehr als nur Arbeit. Es war Teil ihrer Biografie. Es war Lebenswerk, das sie gemeinsam mit ihrem Mann weiter ausgebaut und erfolgreich gemacht hatte. Sie hatten sich vor 10 Jahren getrennt, zu sehr hatte das Geschäftliche ihre Anteilnahme aneinander überlagert. Die andere Seite hatten sie auch erlebt: den wirtschaftlichen Druck, die Sorge mit einzelnen Standorten, die Wochenenden ohne Freizeit. Sie wusste, sie hatte oft den Notwendigkeiten in der Firma mehr entsprochen als den Bitten ihrer Kinder.
Und nun?
Sollte sie es sein, die das Familienunternehmen beenden sollte? Sie spürte deutlich diese tiefe Bindung - zur Firma, zu den Menschen, zur Geschichte. Doch gleichzeitig wuchs der Druck, eine Entscheidung zu treffen.
Ob eines ihrer 3 Kinder das Geschäft übernehmen würde? Alle drei sind gut ausgebildet, jeder seinen eigenen Weg gegangen. Der Jüngste zeigte am stärksten ein unternehmerisches Gespür, stellte kluge Fragen, interessierte sich für das Große und Ganze. Ihre Tochter wiederum hat ihren Platz in der Medizin gefunden – seit fünf Jahren arbeitet sie nun im Krankenhaus, fernab der betrieblichen Welt. Die beiden älteren Söhne hatten eine kaufmännische Ausbildung absolviert, sind heute in guten Positionen tätig, voller Ideen und Tatendrang – aber eben auf anderen Wegen.
Eines ist klar: Die kommenden Monate werden entscheidend.
02.07.2025
Ich werde im Folgenden beispielhaft Szenen aus Familienbetrieben schildern, die typisch sind, sich so oder in ähnlichem Gewand zeigen. Sehr oft geht es bei den Beteiligten um innere Konflikte, wieweit die „Passung“ mit den Notwendigkeiten im Unternehmen gegeben sei.
Szene 1: Ist das mein Eigentliches?
An dem Tag, der sein Leben verändern wird, nimmt Georg seine Freundin in die Arbeit mit.
Er hat sie darum gebeten, er braucht sie, das spürt er.
Er hatte Susanne bei seiner Ausstellung vor einigen Jahren kennengelernt und sie hatten sich in ein Gespräch über ihre künstlerischen Interessen vertieft. Neben seiner kaufmännischen Ausbildung hatte er begonnen, Skulpturen aus Bronze zu fertigen, und war auch bereits erfolgreich damit – dies alles neben seinem „Brotberuf“ im Hotelbetrieb seiner Eltern. Schon immer hatte er bei den Gästen ausgeholfen und war der Junior, der den Betrieb übernehmen wird. Das war auch wichtiger Teil seiner Identität geworden und er tat es jetzt nicht widerwillig - vor 2 Jahren war er als Assistent der Geschäftsführung eingestiegen. Auch war er nicht ungern bei den Gästen - er mochte die Gespräche und organisierte, wenn sie was brauchten. Bei Marketing- und Personalfragen – wie viele in der Branche plagte die Personalknappheit – versuchte er mit seiner Kenntnis der Social Media Werbung zu punkten. Bzgl. Personal sollte natürlich auch was bei den Arbeitszeiten und den weiteren Arbeitsbedingungen geändert werden; er hatte mit den Eltern diskutiert, aber sie wollten davon nichts hören.
Über Umwege war er zu seiner künstlerischen Arbeit gekommen und er spürte dabei Freude und Motivation. Ein Freund hatte ihm Techniken in der Metallbearbeitung gezeigt und mehr und mehr hatte er verfeinert.
„Ein Hobby, mehr nicht,“ so sein Vater, „brotlos; und dabei kannst du diesen schönen Betrieb weiterführen“.
Und heute: der Vater hatte ihn zum Gespräch geholt, in dem es wahrscheinlich um eine Entscheidung gehen würde, voraussichtlich mit dem ganzen Unverständnis, sollte er als Nachfolger das Angebot nicht begeistert annehmen. Dabei machte er sich´s bestimmt nicht leicht. Er liebte seine Eltern und schätzte, was sie erarbeitet hatten, mit wieviel Einsatz und auch Verzicht dies gelungen war. Von klein auf hatte er das mitbekommen, wenn halt z.B. der Wunsch der Gäste wichtiger war als der geplante Familienausflug. Er mochte auch die Stammgäste, die ihn von klein auf kannten und mit denen ein freundschaftliches Verhältnis entstanden war.
Doch das Gestalten, sich Ausdrücken im Künstlerischen war seine Leidenschaft geworden.
„Bin ich echt in dem, was ich gelebt habe?“ würde er sich dann fragen, später einmal, "oder habe ich mir und den anderen etwas vorgemacht und habe an mir vorbeigelebt. Wer bin ich eigentlich?“ Diese verzweifelte Frage quälte ihn.
Susanne bot ihm Halt und unterstützte ihn bei seiner künstlerischen Arbeit. „Wenn dir was am Herzen liegt, dann musst du es beschützen,“ sagte sie, „und du musst den Mut haben, das zu leben.“
Ja, das stimmte und gleichzeitig spürte er die Loyalität zur Familie, zur Tradition.
Wenn er beides wohl kombinieren könnte? Er sah bei den Eltern, wie umfangreich die Arbeiten im Haus waren, wie spät es täglich wurde und auch das wollte er nicht mehr.
Mit Susanne konnte er dabei jedoch nicht rechnen. Sie hätte kein Talent für Gäste, meinte sie, das wäre zu viel und außerdem hatte sie ihren Weg als Journalistin und Autorin eingeschlagen, hatte bereits einen Preis gewonnen und ihr Tun war anerkannt. „Ohne Frau an deiner Seite wirst du das nicht schaffen“, hatte seine Mutter ihre Bedenken geäußert.
Was sollte er bloß heute dem Vater sagen?
12.06.2025
Was mich an Familienunternehmen interessiert?
Die unternehmerische Kraft der Familienbetriebe ist evident: Mehr als die Hälfte der Unternehmen in Österreich sind familiengeführte Unternehmen, d.h. die Mehrheit der Entscheidungsrechte im Unternehmen sind im Besetz einer Familie (Gründer: in, Kinder, Erben:in, Erwerber: in) und mindestens ein Vertreter: in der Familie oder der Angehörigen an ist an der Leitung des Unternehmens beteiligt. Sie beschäftigen
65% aller Erwerbstätigen. Diese Betriebe prägen das Land in wirtschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht. Sie sind robust in der Krise. Allerdings: Die Schwierigkeit, die Nachfolge zu regeln, wird an einer Statistik deutlich: 67 % werden von der 1. auf die 2. Generation übergeben. 32 % folgen von der 2. auf die 3. Generation. Und nur noch 16 % werden von der 4. Generation übernommen. Nur 5% der europäischen Familienunternehmen wurden vor 1900 gegründet. Die durchschnittliche Lebensdauer von Familienunternehmen beträgt nur 24 Jahre. Somit ist die Zeit des Generationswechsels meist eine Krise, ebenso wie starke Wachstumsphasen oder Situationen, in denen langjährige Mitarbeitende die Loyalität in Frage stellen. Auf der persönlichen Ebene spielen sich zwischen Beteiligten oft Dramen ab. Diese Spannungen wirken selbstverständlich auch auf das Management und den Erfolg des Unternehmens.
Ich selbst hab vor vielen Jahren in eine Unternehmerfamilie, d.h. auch in ein Familienunternehmen geheiratet, Im Lauf der folgenden Jahre ist mein Interesse an Familienunternehmen weiter gewachsen. Persönliche Erlebnisse rund um den Generationenwechsel - mein Mann war inzwischen in 5. Generation ins Unternehmen eingestiegen – und die weitere wirtschaftliche Entwicklung forderten ihn und mich gemeinsam.
Mich interessiert mit meiner Erfahrung insbesondere, durch welche speziellen Dynamiken dieser Typ von Unternehmen besonders stark in seiner Entwicklung beeinflusst ist, was die Stärke ausmacht bzw. wodurch er besonders verwundbar wird. Wie Familien einzigartig sind, so sind auch familiengeführte Unternehmen speziell.
Durch die Gleichzeitigkeit von Familie, Unternehmen und Eigentum in diesem Unternehmenstypus ist eine Spannung im System grundgelegt. Bedürfnisse, Logiken und Ziele in den 3 Teilsystemen sind unterschiedlich, teilweise sogar gegenläufig; sie ziehen die Systemvertreter: innen in verschiedene Richtungen: in der emotional aufgeladenen Situation steigt die Spannung. Sachliche, fachliche und konfliktbezogene Themen sind dabei meist mit emotionalen Dynamiken unterlegt, die weitaus tiefer gehen und oft große Betroffenheit auslösen können. Von einer Reihe namhafter langjähriger Familienunternehmen, oft bereits in durch mehrere Generationen geführt, sind die jahrelangen, auch rechtlich ausgetragenen, Auseinandersetzungen bekannt. Nicht selten kosten sie den Bestand des Unternehmens.
Oft baut sich im Familienunternehmen Spannung auf zwischen dem Grundbedürfnis nach Sicherheit z.B.bei den Übergebern: innen und dem Grundbedürfnis nach Freiheit bei den Nachfolgern: innen:
Das Grundbedürfnis nach Sicherheit bei Übergebern:innen äußert sich z.B. folgendermaßen:
- Übergeber erwarten, dass ihre Nachfolger Muster wiederholen, die ihnen vertraut sind, mit denen sie gute Erfahrungen gemacht haben: die Art und Weise, wie das Geschäft gemacht wird, der Umgang mit Kunden: innen, Investitionen, die die Jungen vorantreiben wollen u.ä. Das geht bis in die ganz persönlichen Themen wie: Die Partnerin ihres Sohnes oder der Partner ihrer Tochter soll aus einer Unternehmerfamilie kommen, einschlägig ausgebildet sein und im Betrieb mitarbeiten.
Das Grundbedürfnis nach Freiheit kann bei (potentiellen) Nachfolgern: innen folgendermaßen zum Ausdruck kommen:
- Nachfolger: innen möchten oft ihre Sehnsüchte, Bedürfnisse, Anliegen äußern können und verstanden werden.
- Sie wollen ihre Vorstellungen und Ziele realisieren
- Sie wollen frei sein z.B. in der Wahl des Partners bzw. der Partnerin, unabhängig von Herkunft und Beruf. Diese wiederum wollen ihren erlernten Beruf ausüben und nicht unmittelbar im Betrieb mitarbeiten - möglicherweise zur Irritation der übergebenden Eltern.
Gelingt es in diesem Spannungsgemenge, den Blick auf die Zugkräfte der beteiligten Bedürfnisse zu richten, diese ernst zu nehmen und in einem Austausch- und Verhandlungsprozess, im Blick auf möglichweise als gemeinsam getragene Ziele neu oder anders zu erfüllen, dann dienen Spannungen im besten Fall als Wegweiser zu einer neuen Zukunft.