24.06.2026
Geschwister in der Übernahme – Macht euch das selber aus!
Warum gut gemeint in der Unternehmensnachfolge oft das Gegenteil bewirkt.
Die Übergabe eines Familienunternehmens ist eine krisenanfällige Zeit im Leben einer Unternehmerfamilie– geht es doch um Identität, Zukunftspläne, Loyalität und das Ende einer Ära, gerade auch, wenn bei mehreren Kindern an einer Übernahme eventuell interessiert sind bzw. das Erbe gesamt noch offen ist. Wenn Eigentümerinnen und Eigentümer - gleichzeitig Eltern mehrerer übernahmebereiter Kinder – nicht entscheiden (wollen), passiert in diesem sensiblen Moment häufig dasselbe: Die Elterngeneration zieht sich zurück, zeigt auf die Kinder und sagt: „Ihr werdet euch schon einigen, macht euch das selber aus." Das klingt großzügig. Es fühlt sich fair an. Aber es ist ein häufiger – und folgenreicher – Fehler in der Nachfolgeplanung.
Das Machtvakuum, das Kinder nicht füllen können
Entscheidung zu treffen, fällt vielen Eltern schwer, wünschen sie doch meist für jedes der Kinder eine gerechte und faire Lösung. Gern werden klare Stellungnahmen dann vermieden, umschifft, vertagt.
Wenn jedoch Eltern die Übergabe ohne klare Rahmenbedingungen delegieren, entsteht kein fairer Neuanfang – es entsteht ein Vakuum. Und dieser Raum füllt sich: mit alten Geschwisterdynamiken, mit unausgesprochenen Erwartungen, mit dem Verdacht, dass der/die eine schon immer bevorzugt wurde, dass die Eltern die- oder denjenigen sowieso lieber hätten, u.ä.
Es ist somit klare Verantwortung der übergebenden Generation, die erforderlichen Entscheidungen für ihre Übergabe zu treffen. Auch wenn dies schwerfällt, auch wenn Auseinandersetzungen befürchtet werden oder eintreffen, Übergeber:innen haben sich diesem Schritt zu stellen.
Was die übergebende Generation konkret tun kann
Die Nachfolge ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess. Wer diesen Prozess ernst nimmt – mit professioneller Begleitung, ehrlichen Gesprächen und einer klaren Struktur – schützt nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Familie dahinter. Immer geht es um beides.
Hilfreich sind dabei konkrete Instrumente: regelmäßige Familiengespräche zur Klärung der Entscheidungskriterien; offene Aussprachen zur den Lebensentwürfen und den Stärken der jungen Generation, eine Familienverfassung mit Regeln für Entscheidungen, Entlohnung und Ausstieg; ein Beirat mit externen Mitgliedern als institutioneller Anker.
Wer das Unternehmen aufgebaut hat, besitzt eine strukturelle Autorität, die nicht einfach durch Rückzug verschwindet. Sie wirkt weiter – informell, im Hintergrund, durch Gesten, Kommentare und die Frage, wen man bei Unklarheiten anruft. Eine saubere Übergabe braucht deshalb auch keinen nominellen, sondern einen echten Rückzug. Mit Ansage. Mit Struktur. Mit Raum für die nächste Generation.
Fünf Dynamiken, die über Gelingen oder Scheitern entscheiden
- Externe Moderation als Zeichen von Professionalität. Wer einen Beirat oder Mediator einbindet, zeigt keine Schwäche – sondern unternehmerische Reife. Ein sachlicher Anker von außen verändert die Gesprächskultur grundlegend.
- Gleichheit und Eignung unterscheiden. Eine identische Verteilung von Anteilen oder Einflussrechten erscheint auf den ersten Blick gerecht. In der Praxis kann sie jedoch die Handlungsfähigkeit des Unternehmens erheblich einschränken. Fairness bedeutet nicht zwangsläufig Gleichverteilung. Eigentum, Verantwortung und Einfluss sollten sich an den jeweiligen Rollen, Kompetenzen und Beiträgen orientieren und offen verhandelt werden.
- Rollenverteilung vor der Übergabe klären. Das häufigste Scheitern passiert nicht wegen fehlender Kompetenz, sondern wegen ungeklärter Hierarchie. Wer ist erste Ansprechperson nach außen? Wer entscheidet bei Uneinigkeit? Ein Gesellschaftervertrag allein ist oft nicht ausreichend.
- Die übergebende Generation als eigentliche Herausforderung verstehen. Oft ist es nicht der Streit zwischen den Geschwistern, der blockiert – sondern die Mutter oder der Vater, der formal übergibt, informell aber weiter die Autorität bleibt. Manchmal unbewusst.
- Kindheitsmuster erkennen. Unter Druck greifen Geschwister auf alte Verhaltensmuster zurück. Plötzlich kämpfen nicht zwei Geschäftsführer miteinander – sondern die 12-Jährigen, die sie einmal waren. Diese Dynamiken frühzeitig zu erkennen, schafft die Voraussetzung für einen professionellen Umgang miteinander.
Fazit
Eine erfolgreiche Unternehmensnachfolge durch Geschwister entsteht nicht durch den Rückzug der Eltern, sondern durch deren verantwortungsvolle Gestaltung des Übergangs. Wer aus Unsicherheit oder Konfliktvermeidung die entscheidenden Fragen an die nächste Generation delegiert, erhöht das Risiko für Spannungen innerhalb der Familie und für Fehlentwicklungen im Unternehmen.
Die Aufgabe der übergebenden Generation besteht nicht darin, allen Konflikten auszuweichen, sondern darin, klare Rahmenbedingungen zu schaffen, Entscheidungen zu treffen und den Weg für die nächste Generation bewusst zu gestalten. Genau darin liegt ihre letzte unternehmerische Verantwortung.