11.08.2025
Eigentlich soll es weitergehen
Die acht Standorte ihres Textil-Handelsunternehmens besuchte sie regelmäßig. Seit 26 Jahren war sie nun Geschäftsführerin und es war ihre Aufgabe. Immer gab es etwas zu besprechen: neue Kollektionen, die Kundenfrequenz, oder Fragen rund um das Personal – Qualifikationen, Arbeitszeiten, Motivation.
Sie kannte sich aus in der Branche und war auch in den Interessensvertretungen anerkannt.Bei einem der letzten Besuche fragte eine langjährige Mitarbeiterin offen:
„Gibt es schon Überlegungen, wie es mit unserem Betrieb einmal weitergeht?“ In ihrem Tonfall lag auch eine Spur einer Aufforderung und das Gespräch beschäftigte sie abends noch.
Sie war inzwischen 63 Jahre alt. Auch ihre Kinder hatten das Thema kürzlich angesprochen. Wie lange noch, Mama? Was kommt danach? Und: Du brauchst doch auch mehr Zeit für dich.
Natürlich dachte sie darüber nach. Immer öfter.
Sie konnte das Geschäft verkaufen. Da war dieser Mitbewerber – seit Jahrzehnten ein korrekter, verlässlicher Kollege im Markt. Beide kannten und respektierten einander. Sein Angebot war gut. Für ihn wäre es ein strategischer Schritt: ein zusätzliches Kundensegment, ein stärkeres Netz. Und für sie? Es wäre ein sauberer Schlussstrich – wirtschaftlich attraktiv, gut überlegt. Und die Kinder konnten das Geld brauchen.
Doch da war auch dieses andere Gefühl.
Ihr Großvater hatte den Grundstein gelegt.
Mit Stoffhandel hatte alles begonnen – in einer Zeit, in der jeder bescheidene Einkauf zählte. Auch die schweren Kriegsjahre hatte die Familie durchgestanden, das Geschäft bewahrt. Für sie war es mehr als nur Arbeit. Es war Teil ihrer Biografie. Es war Lebenswerk, das sie gemeinsam mit ihrem Mann weiter ausgebaut und erfolgreich gemacht hatte. Sie hatten sich vor 10 Jahren getrennt, zu sehr hatte das Geschäftliche ihre Anteilnahme aneinander überlagert. Die andere Seite hatten sie auch erlebt: den wirtschaftlichen Druck, die Sorge mit einzelnen Standorten, die Wochenenden ohne Freizeit. Sie wusste, sie hatte oft den Notwendigkeiten in der Firma mehr entsprochen als den Bitten ihrer Kinder.
Und nun?
Sollte sie es sein, die das Familienunternehmen beenden sollte? Sie spürte deutlich diese tiefe Bindung - zur Firma, zu den Menschen, zur Geschichte. Doch gleichzeitig wuchs der Druck, eine Entscheidung zu treffen.
Ob eines ihrer 3 Kinder das Geschäft übernehmen würde? Alle drei sind gut ausgebildet, jeder seinen eigenen Weg gegangen. Der Jüngste zeigte am stärksten ein unternehmerisches Gespür, stellte kluge Fragen, interessierte sich für das Große und Ganze. Ihre Tochter wiederum hat ihren Platz in der Medizin gefunden – seit fünf Jahren arbeitet sie nun im Krankenhaus, fernab der betrieblichen Welt. Die beiden älteren Söhne hatten eine kaufmännische Ausbildung absolviert, sind heute in guten Positionen tätig, voller Ideen und Tatendrang – aber eben auf anderen Wegen.
Eines ist klar: Die kommenden Monate werden entscheidend.